Die fünf Minuten vor dem Start
Vor dem Schullauf ist Leni sicher, dass alle anderen schneller sind. Dann setzt sie sich ein eigenes Ziel.
Noch fünf Minuten bis zum Start des Schullaufs.
Leni steht mit ihrer Klasse hinter der weissen Linie und wippt von einem Fuss auf den anderen. Vor ihnen führt die Strecke einmal um den Sportplatz und dann durch den kleinen Park.
Neben ihr macht Finn schnelle Sprünge. Er ist der beste Läufer der Klasse. Zwei Reihen weiter vorne diskutieren andere Kinder darüber, wer wohl gewinnen wird.
Leni würde am liebsten verschwinden.
„Alles okay?“, fragt Frau Gloor.
Leni nickt zuerst. Dann sagt sie: „Ich werde sowieso Letzte.“
Frau Gloor schaut zur Strecke. „Kann sein. Kann auch nicht sein. Aber du könntest dir ein Ziel aussuchen, das nichts mit den anderen zu tun hat.“
„Welches?“
„Zum Beispiel: nicht zu schnell starten. Oder bis zur grossen Eiche laufen, ohne stehen zu bleiben. Du entscheidest.“
Leni denkt nach. Ihr Ziel wird die Eiche.
Dann fällt der Startschuss.
Viele rennen sofort los. Leni zwingt sich, langsamer zu beginnen. Nach der ersten Kurve sind einige weit vor ihr. Das fühlt sich unangenehm an. Doch sie schaut nicht mehr auf sie, sondern sucht die Krone der grossen Eiche.
Am Eingang zum Park werden ihre Beine schwer. Noch dreissig Meter. Noch zwanzig. Noch zehn.
Sie erreicht den Baum, ohne stehen zu bleiben.
Eigentlich könnte sie jetzt gehen. Stattdessen läuft sie weiter. Nicht schnell. Aber gleichmässig.
Als sie ins Ziel kommt, sind viele schon da. Finn klatscht gerade mit einem Freund ab. Frau Gloor hält die Stoppuhr in der Hand.
„Und?“ fragt sie.
Leni atmet tief. „Die Eiche habe ich geschafft.“
„Dann hast du dein Ziel erreicht.“
Später erfährt Leni ihre Zeit. Sie ist nicht Letzte geworden. Aber das ist gar nicht die Zahl, an die sie sich am Abend erinnert.
Sie erinnert sich an die letzten zehn Meter vor der Eiche – und daran, dass sie weitergelaufen ist.