Der Platz am Fenster
Eine scheinbar kleine Sitzplatzfrage zeigt, wie schnell sich Gruppen bilden – und wie viel Mut es manchmal braucht, einen vertrauten Kreis zu öffnen.
Im neuen Schuljahr dürfen die Schülerinnen und Schüler ihre Plätze in der ersten Woche selbst wählen. Für die meisten ist das die wichtigste Nachricht des Montagmorgens.
Livia setzt sich sofort ans Fenster. Neben ihr landet ihre beste Freundin Nuria, dahinter nehmen Tim und Jaron Platz. Innerhalb weniger Minuten sieht das Zimmer so aus, als hätten unsichtbare Linien kleine Inseln gezeichnet: die Fussballgruppe hinten, drei ruhige Kinder vorne, Livias Freundeskreis am Fenster.
Als Herr Widmer hereinkommt, hebt er nur die Augenbrauen. „Interessant“, sagt er. Mehr nicht.
Am Dienstag kommt ein neuer Schüler in die Klasse. Er heisst Adil und ist erst seit kurzem in der Gemeinde. Der einzige freie Platz liegt ganz vorne neben dem Lehrerpult.
„Du kannst dich dort hinsetzen“, sagt Herr Widmer.
Draussen ist es zuerst etwas steif. Nuria fragt, aus welcher Schule Adil kommt. Jaron erzählt von einem Ball, der einmal auf dem Schuldach gelandet ist. Adil antwortet knapp, fragt nach einigen Minuten aber selbst, ob es in der Nähe einen Basketballverein gibt. Tim kennt einen und zeigt ihm auf dem Handy die Sporthalle.
Livia ist zufrieden. Für einen Moment fühlt es sich an, als hätte eine einzige Einladung gereicht. Erst später merkt sie, dass Ankommen meistens nicht so schnell funktioniert.
Adil nickt. Er sagt wenig, arbeitet ruhig und verschwindet in der Pause meistens schnell aus dem Zimmer.
Nach ein paar Tagen fällt Livia auf, dass er beim Mittagessen allein sitzt. Sie bemerkt es, denkt kurz darüber nach und setzt sich trotzdem wie immer zu Nuria und den anderen.
Am Donnerstag verteilt Herr Widmer einen Auftrag. In Vierergruppen sollen sie eine einfache Brücke aus Papier bauen, die möglichst viele Bücher trägt. Die Gruppen werden ausgelost.
Livia landet mit Adil, Jaron und Selma zusammen.
Zuerst läuft es schlecht. Jaron will sofort falten, Selma möchte zuerst planen, und Livia versucht, beide gleichzeitig zu überzeugen. Adil sagt kaum etwas.
In den nächsten Tagen verändert sich die Klasse nicht plötzlich. Adil sitzt manchmal bei Livia und Nuria, manchmal bei anderen und manchmal weiterhin allein. Doch sein Alleinsein wirkt nun weniger wie ein fester Platz, der ihm zugeteilt wurde. Es gibt mehrere Möglichkeiten.
Livia beginnt dabei auch die anderen Gruppen anders zu sehen. Niemand hatte am ersten Montag beschlossen, jemanden auszuschliessen. Alle hatten nur den Platz gewählt, der sich vertraut anfühlte. Trotzdem waren aus diesen Entscheidungen Grenzen entstanden, die für neue Menschen schwerer zu überqueren waren.
Nach dem zweiten eingestürzten Versuch nimmt er ein Blatt und faltet es mehrmals wie eine Ziehharmonika.
„So wird es steifer“, sagt er.
Jaron legt zwei Bücher darauf. Die Papierform hält.
„Woher weisst du das?“, fragt Livia.
Als die Klasse später über neue Sitzregeln diskutiert, schlägt Selma vor, alle vier Wochen zu wechseln. Jaron findet Losen gerechter. Tim möchte wenigstens nicht direkt vor der Wandtafel sitzen. Plötzlich geht es nicht mehr nur darum, welcher Platz bequem ist, sondern auch darum, mit wem man überhaupt ins Gespräch kommt.
Adil zuckt mit den Schultern. „Mein Vater verpackt Maschinen. Bei Karton macht man etwas Ähnliches.“
Plötzlich reden alle gleichzeitig. Sie kombinieren Adils Faltung mit Selmas Stützen und Jarons Idee für eine breite Auflage. Am Ende trägt ihre Brücke sieben Schulbücher.
In der Pause bleibt Adil diesmal im Zimmer, weil er die Konstruktion noch fotografieren will.
„Kommst du mit runter?“, fragt Livia.
Adil schaut überrascht. „Wohin?“
„Wir sitzen draussen bei den Tischtennisplatten.“
Er kommt mit.
Es wäre schön, wenn damit alles erledigt wäre. Aber so einfach ist es nicht. Am nächsten Tag setzt sich Adil beim Mittagessen wieder allein hin. Livia ist bereits mitten in einem Gespräch, als sie ihn sieht. Sie überlegt, ob sie aufstehen soll. Ein Teil von ihr denkt: Ich habe ihn gestern doch gefragt. Jetzt könnte er auch einmal kommen.
Dann erinnert sie sich an ihren ersten Tag im Handballverein. Sie hatte damals wochenlang darauf gewartet, dass jemand neben ihr auf der Bank Platz machte. Selbst hinzugehen hatte sich viel schwieriger angefühlt, als es von aussen aussah.
Livia nimmt ihr Tablett und setzt sich zu Adil. Nuria kommt kurz darauf mit.
„Wir diskutieren gerade, ob Ananas auf Pizza gehört“, sagt Nuria. „Du hast eine Stimme.“
Adil grinst. „Dann brauche ich zuerst mehr Informationen.“
Am Freitag kündigt Herr Widmer an, dass die freie Sitzordnung endet. Die Klasse stöhnt.
„Keine Sorge“, sagt er. „Ihr dürft Vorschläge machen. Nur eine Regel: Niemand soll automatisch immer bei denselben Leuten sitzen.“
Livia schaut zum Fensterplatz. Sie mag ihn noch immer. Das Licht ist gut, und in langweiligen Minuten kann man die Wolken beobachten.
Trotzdem schreibt sie auf ihren Zettel: Plätze nach einigen Wochen wechseln.
Darunter ergänzt sie: Nicht nur die Plätze. Vielleicht auch die Gruppen.
Als Herr Widmer die Zettel einsammelt, sieht Livia zu Adil. Er sitzt nicht mehr ganz vorne. Für die Gruppenarbeit hat jemand seinen Stuhl nach hinten gezogen und danach vergessen, ihn zurückzustellen.
Der Stuhl steht jetzt mitten zwischen zwei der alten Inseln.
Livia findet, dass er dort eigentlich ziemlich gut aussieht.