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Das perfekte Bild

Lesestufe: Fortgeschritten Thema: Medien ca. 10 Min.

Mara fotografiert eine überflutete Unterführung. Bevor sie das Bild veröffentlicht, entfernt sie ein störendes Detail. Am nächsten Morgen erkennt jemand, was auf dem Foto fehlt.

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Der orange Schlauch störte.

Er verlief quer durch Maras Foto, vom rechten Bildrand bis zur Treppe, wo er unter der braunen Wasserfläche verschwand. Ohne ihn wäre die Aufnahme genau so gewesen, wie sie sie haben wollte: grauer Beton, ein verbogenes Velorad am Geländer und darunter die Spiegelung der Leuchtschrift. DURCHGANG. Die Buchstaben standen auf dem Kopf.

Mara vergrösserte das Bild auf ihrem Laptop. Mit dem Finger auf dem Trackpad umfuhr sie den Schlauch. Ein Klick, dann rechnete das Programm. Wo eben noch Orange gewesen war, lag jetzt Wasser. Sogar die Spiegelung passte.

Sie lehnte sich zurück. So.

Seit drei Wochen half sie bei «Unser Viertel», einer kleinen Website, die über Baustellen, verschwundene Katzen und die Sitzungen des Quartiervereins berichtete. Ihre ersten Bilder waren zwischen einem Bericht über neue Abfallkübel und einer Einladung zum Jassturnier erschienen. Diesmal würde man ihr Foto nicht übersehen.

Sie setzte den Kontrast etwas höher und schrieb darunter: «Nach jedem starken Regen dasselbe. Die Unterführung beim Bahnhof steht unter Wasser. Niemand kümmert sich.»

Den letzten Satz löschte sie wieder. Dann schrieb sie ihn noch einmal.

Um halb zehn wurde der Beitrag veröffentlicht. Als sie ins Bett ging, war er bereits vierzigmal geteilt worden.

Am nächsten Morgen wartete Cem vor dem Schulhaus auf sie. Normalerweise hörte er Musik, bis die erste Lektion begann. Heute hatte er die Kopfhörer um den Hals hängen.

«Hast du das Bild gemacht?»

Mara nickte. «Warum?»

Er hielt ihr sein Handy hin. Unter dem Foto stand ein neuer Kommentar: «Typisch Werkdienst. Die sitzen lieber im Warmen.»

«Das habe nicht ich geschrieben.»

«Mein Vater war dort. Seit fünf Uhr.»

Sie sah auf das Display. Cem hatte das Foto so weit vergrössert, dass einzelne Pixel zu erkennen waren.

«Die Pumpe stand neben der Treppe. Man muss doch den Schlauch sehen.»

Mara spürte den Riemen ihrer Tasche auf der Schulter. Sie zog daran, obwohl er nicht verrutscht war.

«Auf meinem Foto war er am Rand.»

«Und?»

Hinter ihnen läutete es. Cem steckte das Handy ein und ging hinein, ohne auf sie zu warten.

In der zweiten Lektion schrieb Mara unter dem Tisch eine Nachricht an Ruth, die die Quartierwebsite betreute. «Wir müssen beim Foto etwas korrigieren.» Sie betrachtete den Satz eine Weile und schickte ihn ab.

Ruth rief in der Mittagspause an.

«Was stimmt nicht?»

«Ich habe einen Schlauch entfernt.»

Am anderen Ende klapperte Geschirr.

«Aus dem Bild?»

«Er hat gestört. Ich dachte, das sei wie ein Fleck auf der Linse.»

«Schick mir bitte das Original.»

Zu Hause öffnete Mara die unbearbeitete Aufnahme. Rechts war nicht nur der Schlauch zu sehen. Am oberen Rand standen zwei Stiefel, darüber ein schmaler Streifen einer gelben Regenjacke. Sie erinnerte sich an den Mann. Als sie fotografiert hatte, war er zu einem Fahrzeug gegangen. Sie hatte gewartet, bis er aus dem Bild war.

Ruth schrieb zurück: «Ich komme um vier beim Werkhof vorbei. Kommst du mit?»

Mara wollte fragen, ob das wirklich nötig sei. Stattdessen suchte sie ihre Jacke.

Der Mann vom Foto hiess Herr Aydin. Er hatte dieselben Stiefel an, jetzt mit eingetrocknetem Schlamm an den Sohlen. Neben seinem Schreibtisch stand eine offene Znünibox mit einem halben Brot.

«Wir haben zuerst den Einlauf gereinigt», sagte er. «Dann ist die Pumpe ausgefallen. Das Ersatzgerät musste jemand holen.»

Ruth machte sich Notizen. Mara sah auf das Brot.

«Die Unterführung läuft aber wirklich oft voll», sagte sie schliesslich.

«Ja», antwortete Herr Aydin. «Und das darfst du schreiben.»

Das war unangenehmer, als wenn er laut geworden wäre. Er erklärte ihnen, dass eine grössere Leitung geplant sei, der Baubeginn aber mehrfach verschoben worden war. Weshalb genau, müsse die Gemeinde beantworten. Er entscheide das nicht.

«Ich habe den Schlauch weggemacht», sagte Mara. «Auf dem Foto.»

Herr Aydin nickte langsam. «Cem hat es mir gesagt.»

Sie entschuldigte sich. Er nahm die Entschuldigung an, schob dann die Znünibox zu und stand auf. Draussen wartete ein Kollege mit einem Schlüsselbund.

Am Abend erschien das Originalfoto. Darüber stand eine Korrektur, die Mara selbst geschrieben hatte. Sie erklärte, was sie verändert hatte, und dass während der Aufnahme bereits gearbeitet worden war. Der Satz über das fehlende Kümmern wurde zurückgenommen. Unter dem Beitrag blieb ein Hinweis auf die frühere Fassung stehen.

Die Korrektur wurde sechsmal geteilt.

Eine Woche später beantwortete die Gemeinde Ruths Fragen zur Leitung. Mara machte die Bilder für den neuen Bericht: den engen Einlauf, die Risse im Beton, die Absperrung neben der Treppe. Auf einem Foto war Herr Aydin zu sehen. Diesmal hatte sie vorher gefragt.

Als Cem den Bericht las, sagte er: «Die Leitung ist immer noch kaputt.»

«Ich weiss.»

Er gab ihr das Handy zurück.

In der Mittagspause setzte er sich an ihren Tisch. Er legte seine Kopfhörer neben das Tablett und fragte, ob noch jemand auf dem freien Stuhl sitze. Mara schüttelte den Kopf und rückte ihre Tasche weg.