Das Licht im alten Pavillon
Ein Licht in einem ungenutzten Pavillon weckt Neugier. Vier Jugendliche entdecken dahinter keine Spukgeschichte, sondern eine echte Aufgabe.
Der Pavillon steht am Rand des alten Sportplatzes. Früher wurden dort Geräte gelagert, später nutzte ihn der Quartierverein für Feste. Seit einem Wasserschaden ist das Gebäude geschlossen. An der Tür hängt ein Schild: Zutritt verboten.
Für Levin ist der Pavillon vor allem deshalb interessant, weil eines Abends Licht darin brennt.
Er sieht es auf dem Heimweg vom Training. Ein schmaler heller Streifen fällt durch ein Seitenfenster. Als er stehen bleibt, erlischt das Licht.
Am nächsten Tag erzählt er es Yara, Dario und Kim.
„Da wohnt jemand“, sagt Dario sofort.
„Oder jemand war kurz drin“, meint Yara.
„Im geschlossenen Pavillon?“
Levin zeigt am Nachmittag das Fenster. Von aussen sieht alles normal aus. Die Tür ist verriegelt. Das Verbotsschild hängt noch da.
Dario schlägt vor, am Abend zurückzukommen.
„Wir gehen aber nicht rein“, sagt Kim.
„Natürlich nicht“, antwortet Dario viel zu schnell.
Kurz nach acht treffen sie sich wieder. Tatsächlich leuchtet im Pavillon Licht. Diesmal bleibt es an.
Yara fragt, warum die Tiere bei einer Sanierung überhaupt berücksichtigt werden müssen. Der Biologe erklärt, dass geeignete Nistplätze an Gebäuden seltener werden können. Wenn bekannte Plätze wegen Bauarbeiten verschwinden, lassen sich je nach Situation Ersatzmöglichkeiten einplanen. Dafür müsse man aber zuerst wissen, was tatsächlich vorhanden ist.
Sie schleichen nicht näher, sondern bleiben auf dem Weg. Durch das Fenster erkennen sie einen Schatten, dann noch einen.
„Zwei Personen“, flüstert Levin.
In diesem Moment öffnet sich die Seitentür. Eine Frau trägt eine grosse Kunststoffbox heraus. Hinter ihr erscheint ein Mann mit einer Taschenlampe.
Die vier Jugendlichen stehen so sichtbar unter einer Strassenlampe, dass an Verstecken nicht mehr zu denken ist.
„Sucht ihr jemanden?“, ruft die Frau.
Auf dem Heimweg reden sie nicht mehr über Geister oder heimliche Bewohner. Stattdessen diskutieren sie darüber, was Jugendliche in einem solchen Raum wirklich brauchen würden. Dario will einen Tischkicker, Kim genügend Steckdosen, Yara ein Regal für Spiele und Bücher. Levin schlägt vor, zuerst andere Jugendliche zu fragen.
Yara antwortet als Erste. „Wir haben gestern Licht gesehen. Wir wollten nur wissen, was hier passiert.“
Die Frau stellt die Box ab. „Gute Frage. Aber bitte kommt nicht ins Gebäude. Der Boden im hinteren Raum ist beschädigt.“
Sie stellt sich als Frau Gerber vom Quartierverein vor. Gemeinsam mit einem Biologen kontrolliert sie Nistkästen, die unter dem Dach des Pavillons hängen. Wegen der Bauarbeiten sollen sie vor der Sanierung prüfen, ob Tiere das Gebäude nutzen.
Sie erstellen eine kleine Umfrage. Die Antworten überraschen sie. Viele wünschen sich gar nichts Spektakuläres, sondern einen Ort, an dem man sitzen kann, ohne etwas kaufen zu müssen. Einige wollen WLAN, andere einen Bereich ohne Bildschirm. Mehrere schreiben, der Raum dürfe nicht nur einer festen Clique gehören.
„Nistkästen?“, fragt Dario enttäuscht und interessiert zugleich.
Der Biologe zeigt ihnen von draussen Fotos auf seinem Tablet. In einem Kasten nisten Mauersegler. Diese Vögel verbringen einen grossen Teil ihres Lebens in der Luft und kehren oft über Jahre an dieselben Brutplätze zurück.
„Wenn das Dach saniert wird, müssen wir dafür sorgen, dass ihre Plätze nicht einfach verschwinden“, erklärt er.
Bei der ersten Planungssitzung merken die vier, dass Ideen allein nicht reichen. Es geht um Kosten, Lärm, Öffnungszeiten und darum, wer Verantwortung übernimmt. Der Tischkicker ist plötzlich komplizierter als gedacht. Das Bücherregal dagegen findet schnell einen Platz. Dario nennt die Sitzung „erschreckend erwachsen“, kommt zur nächsten aber trotzdem wieder.
Kim fragt, warum sie abends arbeiten.
„Weil wir beobachten wollen, wann die Tiere zurückkehren. Und weil es tagsüber im Moment zu heiss unter dem Dach ist.“
Aus der geheimnisvollen Lichtspur wird innerhalb von zehn Minuten eine Liste ganz normaler Dinge: Schutzhelme, Fotos, Messgeräte, Ersatzkästen und ein Bauplan.
Trotzdem findet Levin die echte Geschichte nicht weniger spannend.
Frau Gerber erzählt, dass der Pavillon nach der Sanierung wieder genutzt werden soll. Der Quartierverein sucht Ideen für den kleinen Raum an der Vorderseite.
„Etwas für Jugendliche wäre auch denkbar“, sagt sie. „Aber dann müssten Jugendliche mitplanen.“
Dario schaut zu den anderen. „Ein Raum mit Tischkicker.“
„Und ohne zehn Regeln pro Wand“, ergänzt Kim.
„Und mit einem Regal zum Tauschen von Büchern oder Spielen“, sagt Yara.
Levin schweigt. Er denkt an das Licht hinter dem Fenster und daran, wie schnell sie eine Geschichte erfunden hatten, obwohl sie fast nichts wussten.
Am nächsten Tag schreibt er Frau Gerber eine Mail. Nicht wegen der Mauersegler, sondern wegen des Raums. Zwei Wochen später sitzen die vier mit anderen Jugendlichen und Mitgliedern des Quartiervereins an einem langen Tisch und zeichnen erste Ideen.
Der Pavillon bleibt während der Bauzeit geschlossen. Das Zutritt-verboten-Schild hängt weiterhin an der Tür.
Doch daneben klebt nun ein neues Blatt: Zukunft Pavillon – Ideen aus dem Quartier.
Levin geht manchmal absichtlich dort vorbei. Abends brennt gelegentlich wieder Licht im Gebäude.
Jetzt weiss er, wer dort arbeitet.
Das Licht ist dadurch weniger geheimnisvoll geworden. Aber es zeigt auf etwas, das vorher gar nicht da war: eine Möglichkeit.